The Lamb and The Tyger
on William Blake’s passing day
* November 28, 1757, London;
† August 12, 1827, London

Pattis Polaroid von William Blakes Grab auf dem Friedhof Bunhill Fields in London.
Patti hat seit ihrer Kindheit eine tiefe spirituelle und künstlerische Verbindung zu William Blake, dem visionären Dichter und Künstler des 18. Jahrhunderts.
Ihre Bewunderung für Blake gilt seiner Mystik, seines rebellischen Geistes und seiner Fähigkeit, Kunst, Spiritualität und Gesellschaftskritik zu verbinden. In Interviews und Performances zitiert Patti ihn regelmäßig. Seine Verse fließen in ihre Songs, Gedichte und Bühnenauftritte ein. William Blake ist nicht nur ein literarisches Vorbild, sondern ein geistiger Begleiter – ein “heiliges Echo“.
Neben vielen weiteren seiner Werke haben besonders Blakes Gedichte The Lamb aus seiner Sammlung Songs of Innocence (Lieder der Unschuld) von 1789 sowie das Gegenstück The Tyger aus seinen Songs of Experience (Lieder der Erfahrung) von 1794 eine besondere Bedeutung für Pattis Werk und ihre persönliche Mythologie.

Blakes Illustration zu The Lamb aus den Songs of Innocence and of Experience: die beiden gegensätzlichen Zustände der menschlichen Seele zeigend. Das Exemplar befindet sich im Besitz der Nationalbibliothek Library of Congress, Washington, D.C., USA.
The Lamb
by William Blake
Little lamb, who made thee?
Does thou know who made thee,
Gave thee life, and bid thee feed
By the stream and o’er the mead;
Gave thee clothing of delight,
Softest clothing, woolly, bright;
Gave thee such a tender voice,
Making all the vales rejoice?
Little lamb, who made thee?
Does thou know who made thee?
Little lamb, I’ll tell thee;
Little lamb, I’ll tell thee:
He is called by thy name,
For He calls Himself a Lamb.
He is meek, and He is mild,
He became a little child.
I a child, and thou a lamb,
We are called by His name.
Little lamb, God bless thee!
Little lamb, God bless thee!
The Tyger
by William Blake
Tyger Tyger, burning bright,
In the forests of the night;
What immortal hand or eye,
Could frame thy fearful symmetry?
In what distant deeps or skies.
Burnt the fire of thine eyes?
On what wings dare he aspire?
What the hand, dare seize the fire?
And what shoulder, & what art,
Could twist the sinews of thy heart?
And when thy heart began to beat.
What dread hand? & what dread feet?
What the hammer? what the chain,
In what furnace was thy brain?
What the anvil? what dread grasp.
Dare its deadly terrors clasp?
When the stars threw down their spears
And water’d heaven with their tears:
Did he smile his work to see?
Did he who made the Lamb make thee?
Tyger Tyger burning bright,
In the forests of the night:
What immortal hand or eye,
Dare frame thy fearful symmetry?

Kopie von Blakes Originaldruck von The Tyger, 1794. Das Exemplar befindet sich im Besitz des British Museum, London, UK.
William Blakes Gedichte The Lamb und The Tyger stehen sich inhaltlich und symbolisch als zentrale Gegenpole in seiner Sammlung Songs of Innocence and of Experience gegenüber. Sie verkörpern die beiden Seiten der menschlichen Existenz: Unschuld und Erfahrung, Sanftmut und Schrecken, Licht und Dunkelheit.
The Lamb, aus den Songs of Innocence, beschreibt in sanfter, unschuldig-kindlicher Sprache das Lamm als Symbol für Reinheit, Güte und göttliche Schöpfung. Das Lamm steht auch als Metapher für Jesus Christus, den “Lamm Gottes“, und verweist auf ein Weltbild, das von Harmonie und Vertrauen geprägt ist.
Dem gegenüber steht The Tyger, das aus den Songs of Experience stammt. Hier fragt der Sprecher voller Staunen und Furcht: „Did he who made the Lamb make thee?“ – also: Kann derselbe Schöpfer sowohl das unschuldige Lamm als auch den furchteinflößenden Tiger erschaffen haben? Der Tiger wird zum Sinnbild für Kraft, Zerstörung, aber auch Schönheit – ein Ausdruck der wilden, unerklärlichen Aspekte der Schöpfung.
Blake stellt mit diesen beiden Gedichten nicht einfach Gut gegen Böse, sondern zeigt die Komplexität göttlicher Schöpfung und menschlicher Existenz. Beide Wesen, Lamm und Tiger, sind Teil derselben Welt – und derselben Wahrheit. Ihre Verbindung zeigt Blakes zentrales Anliegen: die Einheit von Gegensätzen zu erkennen und zu hinterfragen, was es bedeutet, Mensch zu sein.

Album Cover von Pattis Compilation Land (1975–2002), Photo: Robert Mapplethorpe, 1978
The Lamb wird in Pattis eigenem Werk zu einem Symbol für eine künstlerische Ethik, die Sanftheit nicht als Schwäche, sondern als revolutionäre Kraft versteht. Sie greift dieses Bild oft auf, nicht nur als religiöse Metapher, sondern auch als Ausdruck von Verletzlichkeit und Hoffnung in einer oft rauen Welt.
Auf der Live-Aufnahme des Paris-Konzerts aus dem Jahr 2001, die auf Pattis Compilation Land (1975–2002) veröffentlicht wurde, eröffnet Patti den Song Boy Cried Wolf mit einer Rezitation von William Blakes Gedicht The Lamb. Durch dieses eindringliche Intro verbindet Patti diese beiden Werke miteinander – Blakes aus dem 18. Jahrhundert, ihr eigenes aus der Gegenwart, und verleiht ihrem Song eine zusätzliche Tiefe. Es wirkt wie eine Art Beschwörung – ein kraftvoller Auftakt in ein Stück, das sich mit Enttäuschung, Verrat und menschlicher Verletzlichkeit auseinandersetzt.
Die sanfte, spirituelle Sprache und Symbolik des Gedichts bildet einen spannungsvollen Kontrast zur emotionalen Intensität des Songs.
Durch diese Verbindung schafft Patti eine Brücke zwischen Blakes visionärer Unschuld und ihrer eigenen kraftvollen Auseinandersetzung mit Schmerz und menschlicher Erfahrung – ein Moment, der ihre tiefe poetische Sensibilität eindrucksvoll spürbar macht.
Boy Cried Wolf (live) aus Pattis Compilation Land (1975–2002) veröffentlicht 2002 von Arista Records