30 years of “The Coral Sea“
A book of remembrance and transformation
published in May 1996
Buchcover der deutschen Ausgabe
Foto: Patti Smith Archiv
Vor dreißig Jahren erschien The Coral Sea — ein Buch von stiller Offenheit, weniger erzählt als bewegt. Die Sprache oszilliert zwischen Prosa, Beschwörung und Gesang und folgt keinem linearen Verlauf. Verlust, Erinnerung und Verwandlung bilden seine Strömungen. Ausgangspunkt ist der Tod von Robert Mapplethorpe, nicht als biografisches Erinnern, sondern als poetisches Durchqueren. Das Meer fungiert dabei nicht als Ort, sondern als Zustand, in dem Denken, Trauern und Weitergehen ineinanderfließen.
Für Patti wird Schreiben in The Coral Sea zu einer Form der Bewegung. Der Text entsteht aus Aufmerksamkeit und Rhythmus, aus Wiederholung und Zurücknahme. Er vermeidet Erklärung und Ziel, lässt Fragmente stehen und vertraut dem Unausgesprochenen. Stimmen, Bilder und Motive erscheinen wie Gezeiten — sie kommen und gehen, ohne festgehalten zu werden. Der Ursprung dieses Schreibens liegt in einem Versprechen aus den letzten gemeinsamen Gesprächen: “Wenige Stunden vor seinem Tod fragte ich Robert, wie ich ihm in seiner Abwesenheit am besten dienen könne.“ Trauer zeigt sich nicht als Thema, sondern als Prozess — eine Zeit in Trauer, in der vieles, was sie über ihn wusste, verschlüsselt in einer kleinen Folge von Prosagedichten Gestalt annimmt.
The Coral Sea entzieht sich dem Zugriff. Es lässt sich nicht lesen wie eine Erzählung, sondern verlangt ein Mitgehen, ein Lauschen. Pausen, Brüche und das Offene tragen ebenso wie die Worte selbst. Das Persönliche bleibt verwandelt, eingebettet in Naturbilder und mythische Anklänge. “Er schlief. Ich stand vor ihm, dem Sterbenden … Als er starb, konnte ich nicht weinen, nur schreiben.“ Der Text hält nichts fest — und genau darin liegt seine Tragfähigkeit.
Dreißig Jahre später wirkt The Coral Sea nicht vergangen. Vielleicht, weil es weniger an einen Moment gebunden ist als an eine Haltung: an den Dialog zwischen Sprache und Stille, Nähe und Entfernung, Erinnerung und Fortgang. “Als ich Robert zum ersten Mal sah, schlief er.“ Ein leises Jubiläum für ein Buch, das sich nicht abschließt, sondern weiterströmt.
Dieses Jubiläum knüpft an unser früheres Especial zu The Coral Sea an, das anlässlich des Todestages von Robert Mapplethorpe entstand und im Archiv weiterhin nachzulesen ist: klicke hier
Cupid and Psyche: Patti Smith Archiv
Manuskript: Patti Smith
Buchcover der amerikanischen Ausgabe, Foto: Patti Smith Archiv
Orchid and Hand, 1983: the Robert Mapplethorpe Foundation
