9/11

25 Jahre 9/11

“9.11 Babelogue“

Entstehung, Ausstellung, Positionierung

Anlässlich des 25. Jahrestags der Anschläge vom 11. September 2001 erscheint dieses especial in drei Teilen.
Im Mittelpunkt steht Pattis Serie 9.11 Babelogue, ihre künstlerische Reaktion auf die Ereignisse.

Katalogcover: 9.11 Babelogue

Teil I:
Entstehung der Serie

Zwischen 2001 und 2002 entstand eine Folge von 26 Arbeiten auf Papier, geschaffen im unmittelbaren zeitlichen Umfeld der Anschläge in New York. Die Serie umfasst Zeichnungen und Schriftarbeiten, die nicht dokumentieren, sondern reflektieren. Sie reagieren auf den Einschnitt dieses Morgens und auf die Erfahrung einer Stadt, deren vertraute Silhouette innerhalb weniger Stunden verschwand.

Einen zentralen Zugang bildet Twin Death. Darin beschreibt Patti die unmittelbare Wahrnehmung des 11. September als existenziellen Bruch: Orientierung und Sprache geraten ins Wanken, die Stadt erscheint verwundet. Zwischen Schock, Trauer und moralischer Selbstbefragung entsteht die Frage nach der Rolle der Kunst angesichts einer kollektiven Katastrophe.

Der Text führt von der Erfahrung des Verlusts über Zweifel an der Wirksamkeit künstlerischer Darstellung hin zu einer bewussten Entscheidung: weiterzuarbeiten. Erinnerung soll nicht durch spektakuläre Bilder getragen werden, sondern durch Reduktion, Leerstelle und Verantwortung. Am Ende steht nicht der Wiederaufbau, sondern das Bewahren im Gedächtnis.

In Twin Death heißt es:
9.11
Ich erwachte zum Klang eines Passagierflugzeugs, das sein Ende sang. Ich erwachte mit dem Gefühl von Geistern – einem Fegefeuer aus Seelen, die im aufsteigenden Rauch und der Asche emporstiegen, die den Himmel am Ende meiner Straße erfüllten.
Sie sind fort. Die beiden Pfeiler, die unsere Stadt verankerten. Eine Stunde zuvor hatte ich meiner Tochter zum Abschied gewunken, als sie zur Schule ging. Ich saß auf meiner Treppe und blickte schläfrig, gleichgültig zu ihnen hinauf, dann kehrte ich zurück in meinen Schlaf, in die Arme meiner Liebe.

Twin Death (DIPTYCH), 2001

9.12
Ich erwachte zum Dröhnen von F-15-Jets und Hubschraubern, die über mir kreisten und mich aus dem Bett auf die Straße zogen. Die Türme sind fort, und die Haut unseres Himmels ist verwundet.
Sie sind fort. Welche Form von Intelligenz hat diese Tat begangen? Welches Porträt könnte ich malen? Welche Linien könnte ich ziehen? Aus welchem menschlichen Gedächtnis könnte ich schöpfen? Ich kann sie nicht länger vor mir sehen. An meiner Wand hängen Blätter mit Zeichnungen, die Kreuz und Bewegung der Auferstehung abstrahieren. Ich nehme sie ab und lege sie beiseite, klebe frische Blätter an und kehre auf die Straße zurück, um nachzudenken. [..]
Während ich das gelbe Band quer über die weißen Papierblätter klebe, merke ich, dass ich unfähig bin, auch nur eine einzige Linie zu zeichnen. Es sollte so einfach sein, ein Kinderspiel, ihre doppelte Silhouette nachzuziehen. Doch ich kann es nicht. Ich fürchte, ich werde es nicht richtig machen. Ich fürchte, dass Kunst nutzlos ist. [..]

9.17
Wir kehren zur Arbeit zurück. Wir gehen unseren täglichen menschlichen Aufgaben nach. Ich weiß, warum ich unsere Türme betrauere. Weil sie jung waren und die optimistische Kraft unserer jungen Nation symbolisierten. An meiner Wand hängen zwei Blätter Papier. Dort ist kein Bild. Ich habe entschieden, dass dies mein Porträt ist. Nicht das, was wir sehen, sondern das, was wir nicht sehen und niemals wieder sehen werden. Zwei reine weiße Blätter, leer wie der Himmel rechts von meiner Haustür am Ende meiner Straße.

South Tower Copper, 2001

South Tower. Surah XVIII. 56 Quaran, 2001

This Is What We Saw (Ashes), 2001

South Tower Skyline, 2002

Teil II:
Erste vollständige Präsentation

Im Jahr 2011 – zehn Jahre nach den Anschlägen – wurde die vollständige Serie erstmals öffentlich gezeigt.

Die Ausstellung Patti Smith: 9.11 Babelogue fand in der Bertha and Karl Leubsdorf Art Gallery am Hunter College (CUNY), New York, statt. Kuratiert wurde sie von Michelle Yun. Es war die erste Präsentation der gesamten Serie und ging vom 7./8. September bis 3. Dezember 2011. Im Zusammenhang mit der Ausstellung erschien auch der Katalog mit dem gleichnamigen Titel.

Während Twin Death die unmittelbare Erfahrung beschreibt, verschiebt Babelfield die Perspektive auf Sprache, Macht und die Rolle der Kunst.

Babelfield
Babelfield ist kein Bericht über 9/11, sondern eine poetische Reflexion über Turm, Macht, Sprache und Krieg. Der Turm erscheint als Symbol von Durchdringung, Imperium und Kommunikation. Gleichzeitig wird der Mensch als von Kampf und Gewalt geprägt dargestellt.

Dem stellt der Text die Kunst gegenüber: Klang, Gitarre und Stimme werden als alternative Kraft beschrieben – nicht als Waffe, sondern als Ausdruck, als Handlung, als Widerstand.

Babelfield verhandelt den Turm als Symbol von Macht und Kommunikationsbruch und setzt der Logik von Gewalt die Kunst als bewusste Gegenhandlung entgegen.

[..] Der Turm ist das Symbol der Durchdringung. Es gab keine tatsächliche Struktur außer dem Bild zweier paralleler Linien, die auf einen Punkt zuliefen. Das Gelenk, der Stich, der Finger, die Nadel. Das Auge des Imperiums und des Kaisers, gekrönt mit Kommunikation. Eine hypodermische Spitze. [..]

[..] Ich versteckte meinen Verstärker im Gebüsch und warf meine Gitarre über die Schulter. Sie wiegt weniger als ein Maschinengewehr und geht niemals die Munition aus. [..]

Plane Schematic, 2002

How I Blew My Top, 2002

The Kingdom Of God Is Within You, 2002

Query For Harry Smith, 2002

Teil III:
Positionierung und fortdauernde Relevanz

Die Serie wurde nicht als national gebundenes Statement gerahmt. In den begleitenden Texten wird betont, dass die Twin Towers nicht als Symbol einer bestimmten Nation, Religion oder Ethnie verstanden werden sollen, sondern als Zeichen einer universellen menschlichen Widerstandskraft.

In Les Nuits d’Été steht der künstlerische Prozess als Form des Erinnerns im Mittelpunkt. Musik, Architektur und Trauer verdichten sich zu einem Werk, das die zerstörten Türme nicht als wiederaufzubauendes Monument begreift, sondern als im Gedächtnis fortbestehende Form. Erinnerung erscheint hier als bewusste künstlerische Handlung.

[..] Das eingereichte Werk enthält den Versuch, ihre Anstrengung zu vermitteln. Es enthält, selbst in seiner scheinbaren Distanz, all die abstrakten Tränen, die ich für Menschen vergossen habe, die ich nie kannte und doch seltsam betrauerte. Es enthält Gefühle, gebündelt, verarbeitet, verwandelt. [..]

[..] Es enthält Architektur. Eine Architektur, die in ihrer Zerstörung ein vergängliches Monument ihrer selbst formte. [..]

[..] Die Türme sind fort. Es lebe die Türme. Mögen sie niemals wieder errichtet werden. Denn ihre Zukunft, wie die Zukunft der Verlorenen, existiert im Reich des menschlichen Gedächtnisses. [..]

Peaceable Kingdom richtet den Blick auf Verlust und Veränderung, verbindet diese jedoch mit der Vorstellung eines zukünftigen Zusammenlebens. Das Bild eines “friedlichen Königreichs“ steht für die Hoffnung auf Überwindung von Gegensätzen. Im Vordergrund steht eine universelle Perspektive auf Resilienz und Gemeinschaft – nicht nationale Zuschreibung.

Selbst nach 25 Jahren bleibt die Serie Teil der künstlerischen Auseinandersetzung mit Erinnerung und öffentlichem Gedächtnis.

South Tower The Gems of Tragedy, 2002

South Tower Birthday Cake, 2002

Ground Zero Gold With Polaroid, 2002

Black And White Ground Zero, 2002

Peaceable Kingdom
by Patti Smith

Yesterday, I saw you standing there
With your hand against the pane
Looking out the window
At the rain

And I wanted to tell you
That your tears were not in vain
But I guess we both knew
We’d never be the same
Never be the same

Why must we hide all these feelings inside?
Lions and lambs shall abide

Maybe one day we’ll be strong enough
To build it back again
Build the peaceable kingdom
Back again
Build it back again

Why must we hide all these feelings inside?
Lions and lambs shall abide

Maybe, one day, we’ll be strong enough
To build it back again
Build the peaceable kingdom
Built it back again

Build the peaceable kingdom
Built it back again

 

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