“Ich legte die Dinge aus, die mich beschäftigten: die Hungersnot in Äthiopien, das Schicksal eines Boxers, Rimbaud in Abyssinien und die klangliche Sprache der elektrischen Gitarre.“ -P.S.
50 Jahre Radio Ethiopia
Teil 1: Die Entstehung
Im Oktober 1976 erschien Radio Ethiopia als zweites Studioalbum von Patti und zugleich als erstes Album, das unter dem Namen Patti Smith Group veröffentlicht wurde. Dass es so schnell auf Horses folgen würde, hatte Patti ursprünglich nicht erwartet. Zwischen zwei Tourneen wurde die Band gebeten, eine Pause einzulegen und ein weiteres Album aufzunehmen.
Beim Schreiben der neuen Songs beschäftigten Patti verschiedene Themen und Bilder: die Hungersnot in Äthiopien, Rimbauds Zeit in Abyssinien und die klanglichen Möglichkeiten der elektrischen Gitarre.
Zur Band gehörten in dieser Phase Patti, Lenny Kaye, Ivan Král, Jay Dee Daugherty und Richard Sohl.
Aufgenommen wurde Radio Ethiopia im Record Plant in New York City. Produzent des Albums war Jack Douglas, der in den 1970er-Jahren unter anderem mit Aerosmith arbeitete und später auch am Album Double Fantasy von John Lennon beteiligt war.
Patti entschied sich bewusst für Jack, weil sie in ihm einen Produzenten sah, der sowohl die strukturierte als auch die ungebändigte Seite der Band verstehen konnte. In ihrem Memoir Bread of Angels schrieb sie:
“Ich entschied mich für Jack Douglas als Produzenten des Albums, weil ich glaubte, dass er gut zu beiden Seiten der Persönlichkeit unserer Band passte. Wir konnten ungebändigt und manchmal schwer verständlich sein, profitierten aber zugleich von Ivans nachvollziehbaren Songstrukturen.“ -BoA
Kurz vor Beginn der Aufnahmen erhielt Patti einen Brief von Andi Ostrowe, die gelesen hatte, dass die Band ein Album mit dem Titel Radio Ethiopia aufnehmen würde. Andi war gerade aus Äthiopien zurückgekehrt, wo sie im Peace Corps in einem ländlichen Dorf gearbeitet hatte. Patti traf sich mit ihr in New York; sie sprachen über die politische Situation im Land, über die Revolution nach der Absetzung von Haile Selassie und über die Stadt Harar, in der Arthur Rimbaud einst als Kaffeehändler gearbeitet hatte. Später besuchte Andi auch das Studio und brachte Fotos sowie Erinnerungsstücke aus Äthiopien mit.
Radio Ethiopia aus Pattis Album Radio Ethiopia, 1976
In dieser Zeit beschäftigte sich Patti verstärkt mit der klanglichen Sprache der elektrischen Gitarre.
“Die größte Herausforderung war unser Titelsong, den ich mir vollständig improvisiert vorstellte – vor allem getragen von Lennys rollendem Gitarrenriff und dann abdriftend in scheinbar unerreichbare Bereiche.“ -BoA
Mehrere Versuche im Studio blieben zunächst unbefriedigend. Die entscheidende Aufnahme entstand schließlich am 9. August 1976.
“Jack hielt uns im Studio, als sich ein Hurrikan New York City näherte. Ich lief auf und ab wie ein eingesperrter Kojote und hatte die Vorahnung, dass wir in dieser Nacht den Titelsong aufnehmen würden.“ -BoA
Während draußen Sturm und Regen einsetzten, entstand schließlich die Aufnahme des Stücks.
“Zwölf Minuten vorantreibender Verzerrung – Jay Dees donnernde Schlagzeugschläge, Ivans pulsierender Bass und die Gitarren von Lenny und mir.“ -BoA
Während dieser improvisierten Session entwickelte sich zugleich eine melodische Wendung, aus der später das Stück Abyssinia hervorging.
PS Quartett performt Ain´t It Strange im Brooklyn Steel, 2022.
Der Titelsong Radio Ethiopia gehört mit rund zehn Minuten zu den längsten Aufnahmen des Albums. In späteren Editionen wird Radio Ethiopia / Abyssinia Arthur Rimbaud und Constantin Brancusi gewidmet.
Auch visuell entstand das Album in enger Zusammenarbeit mit Künstlern aus Pattis Umfeld. Das Coverfoto stammt von der Fotografin Judy Linn, weitere Gruppenfotos steuerte Lynn Goldsmith bei. Das Albumdesign entwickelte Nancy Greenberg gemeinsam mit Patti. Für das Booklet stellte Andi Ostrowe Fotografien zur Verfügung und schrieb den Satz “the tongue of love“ auf Amharisch.
Teil 2: Songs, Reaktionen und Tour
Während der Titelsong Radio Ethiopia während der improvisierten Session im Record Plant entstand und sich daraus auch die melodische Entwicklung von Abyssinia formte, geben andere Stücke des Albums einen Einblick in die Themen und Ideen, die Patti in dieser Zeit beschäftigten. Zu den Songs schrieb sie in ihrem Memoir Bread of Angels:
“Ask the Angels wurde für ein lebendiges Netzwerk von Jugendlichen geschrieben, die abseits der üblichen Strukturen lebten, mit einer besonderen Widmung an die Jugend von Los Angeles.“ -BoA
Ask the Angels aus Pattis Album Radio Ethiopia, 1976
“Das vom Reggae inspirierte Ain’t It Strange war eine konfrontative Einladung zu einem unmöglichen Tanz.“ -BoA
“Das emotionale Pissing in a River verband den Blick zurück in die Vergangenheit mit Fragen an die Zukunft.“ -BoA
Neben diesen Songs enthält das Album auch Stücke, die stärker aus der Zusammenarbeit innerhalb der Band entstanden.
Pumping (My Heart) wurde von Patti gemeinsam mit Ivan Král geschrieben und gehört zu den geradlinigeren Songs des Albums; 1976 erschien der Titel auch als Single.
Auch Distant Fingers entstand aus einer Zusammenarbeit mit Musikern aus Pattis Umfeld und wird Patti und Allen Lanier zugeschrieben, der zu dieser Zeit Mitglied der Band Blue Öyster Cult war.
“Radio Ethiopia, fast ein Jahr nach Horses veröffentlicht, wurde zunächst nicht gut aufgenommen, und der Titelsong, auf den ich so stolz war, wurde von manchen als unhörbar bezeichnet.“ -BoA
Auch Produzent Jack Douglas geriet in die Kritik. Einige Stimmen machten ihn dafür verantwortlich, dass sich der Klang der Band verändert habe.
Patti widersprach: “Jack holte aus uns genau das heraus, was wir selbst geben wollten – so ungestüm und unvollkommen wir auch waren.“ -BoA
Für viele überraschend wurde Pissing in a River als Single ausgewählt. Kurz darauf entstand eine Diskussion um den Titel des Songs. “Man bat mich, den Text in ‘swimming’ oder ‘wading in the river’ zu ändern.
PS Quartett performt Pissing in a River auf dem Iconica Festival in Sevilla, 2022.
Ich hatte nicht erwartet, dass das Wort ‘pissing’ solchen Aufruhr verursachen würde, aber ich weigerte mich, den Text zu ändern.“ -BoA
In der Folge erhielt der Song nur begrenzte Ausstrahlung im Radio, teilweise mit zensierten Stellen.
Nach der Veröffentlichung ging die Band wieder auf Tour. Eines der ersten Konzerte fand in Stockholm statt und wurde im schwedischen Fernsehen übertragen. Ein besonders erinnerungswürdiger Auftritt folgte wenig später in Barcelona, organisiert vom Promoter Gay Mercader, der die Band zu einem improvisierten Konzert einlud.
“Wir spielten mit dem Equipment, das gerade verfügbar war, und an diesem Abend tanzten wir alle gemeinsam – der Beginn einer lebenslangen Verbindung mit dem spanischen Publikum.“ -BoA
Am Ende der Tour spielte die Patti Smith Group mehrere Konzerte mit Bob Seger in Florida. Während eines Auftritts kam es zu einem schweren Unfall. Während des Songs Ain’t It Strange trat Patti auf einen Monitor, der teilweise über den Bühnenrand hinausragte. Der Monitor rutschte, und sie stürzte von der Bühne.
Die Folgen waren schwer. Patti erlitt einen Schädelbruch, eine schwere Gehirnerschütterung, mehrere Wirbelbrüche und musste somit für längere Zeit pausieren.
Der Unfall setzte der intensiven Phase rund um Radio Ethiopia ein abruptes Ende. Zugleich markierte er einen Wendepunkt: Die Band hatte ein Album veröffentlicht, das sich bewusst von den Erwartungen nach Horses entfernte und einen eigenen, experimentelleren Weg einschlug.
Auch wenn die Reaktionen auf das Album zunächst widersprüchlich ausfielen, blieb Radio Ethiopia ein wichtiges Dokument dieser frühen Phase der Patti Smith Group. Viele der Songs fanden später ihren Platz im Konzertrepertoire, und der Titelsong selbst wurde zu einem Ausdruck jener musikalischen Freiheit, die Patti in dieser Zeit suchte.
Zum fünfzigsten Jubiläum lässt sich das Album daher auch als Moment einer Band verstehen, die bereit war, Risiken einzugehen und ihre eigenen Vorstellungen von Rockmusik zu verfolgen. Für Patti blieb dabei ein Gedanke zentral: Die Kunst des Rock’n’Roll lebt letztlich von der Verbindung zwischen Musik und den Menschen, die sie hören.
